21. Mai 2022

Borussias neuer Tiefpunkt: Ein Offenbarungseid auf ganzer Linie

Borussia Mönchengladbach scheidet sang- und klanglos aus dem DFB-Pokal aus und lässt sich von Zweitligist Hannover 96 nahezu widerstandslos vermöbeln. Wenn bei Borussia jetzt nicht Katastrophenalarm ausgelöst wird, geht es nächstes Jahr unweigerlich auch in der Liga nach Hannover.

Es ist schwer in Worte zu fassen, was sich an diesem 19. Januar bei fiesem Nieselregen in Hannover ereignet hat. Viele Borussenfans hatten schon so ihre Befürchtungen, nachdem am Vortag einige Favoriten aus dem Pokal gepurzelt waren und der Weg nach Berlin für Borussia plötzlich so verheißungsvoll geebnet schien. In dem Wissen, dass die Fohlen traditionell solche Gelegenheiten gerne mal verbaseln, schaute man eher mit skeptischem Blick nach Hannover. Doch selbst der größte Pessimist wird nicht erwartet haben, dass die Mannschaft mit einer derart kläglichen Vorstellung aufwarten würde. Dieses Spiel ist ein neuer Tiefpunkt und vor allem die frappierende Hilflosigkeit auf allen Ebenen lässt einen fassungslos zurück.

Denn es ist nicht so, als ob die Spieler nicht gewollt hätten. Nein, sie sind gelaufen, sie haben irgendwas versucht. Nur konnten sie es nicht – sie waren einfach hilflos. Bräsiges Ballgeschiebe, technische Unsauberkeiten, individuelle Fehler, schlechtes Timing – all das zog sich durch das ganze Spiel. Doch selbst das kann man eigentlich kompensieren, wenn man einen Plan hat, wenn man sich über eingeübte Abläufe Sicherheit holt und wieder aufrappelt. Doch die Borussen haben augenscheinlich weder ein Konzept, noch irgendwelche Basics. Alles beruht auf dem Prinzip Zufall, jeder wurschtelt irgendwie isoliert vor sich hin. Wenn mal einer eine Idee entwickelt, verpufft sie zumeist, weil niemand der Kollegen darauf eingeht. Für Hannover war das lahme Gladbacher Angriffsspiel sehr einfach zu verteidigen. Für den Zweitligist reichten Laufbereitschaft, eine gewisse Körperlichkeit im Zweikampf und schnelles Umschaltspiel, um die trägen Gäste von einer Verlegenheit in die nächste zu stürzen. Und letztlich dafür zu sorgen, dass Borussia hilflos die Segel streichen musste.

Hütter muss zeigen, dass er der richtige Mann am richtigen Ort ist

Diese Mannschaft funktioniert in sich nicht. Diese Erkenntnis ist nicht neu, aber sie hat durch diesen Auftritt in Hannover eine neue Dimension erhalten. Denn wenn diese Mannschaft in einem so bedeutsamen Spiel gegen einen Zweitligisten derart beschämend auftritt, wie soll das erst in den verbleibenden Partien der Rückrunde im Abstiegskampf werden? Man kann sich noch so viel ob der angeblichen Qualität in die Tasche lügen – in dieser Verfassung wird Borussia kein Bein auf den Boden bekommen. Sollte nicht schleunigst etwas passieren, wird Gladbach im nächsten Jahr wieder in Hannover antreten – zum Zweitligaspiel. Es hat sich schnell gezeigt, dass die Verpflichtung von Marvin Friedrich allein nicht der Schlüssel ist. Einen Vorwurf kann man dem Neuzugang nicht machen – es ist halt auch sehr unglücklich, wenn er als Rechtsfuß links in einer Dreierkette die Räume zulaufen muss, weil vor ihm ebenfalls ein Rechtsfuß (Scally) nicht so genau weiß, wie er sich eigentlich bewegen soll.

Spätestens an dieser Stelle kommt Trainer Adi Hütter ins Spiel. Sein erstes halbes Jahr war geprägt von vielen Umständen, für die man ihn nicht verantwortlich machen konnte. Zu Beginn der Saison, nach dem bescheidenen Auftritt in Augsburg, griff er im Rahmen seiner Möglichkeiten ein und durch. Doch während der großen Krise zum Jahresende wirkte der Österreicher schon deutlich weniger klar, was sich im neuen Jahr leider weiter fortsetzt. Da ist nicht nur die fehlende Konsequenz, mit der er den ‘Fall Ginter’ behandelt und kommuniziert. Dass die Mannschaft auf dem Platz keine klare Linie hat, dass es nur wenige Abläufe gibt, die einstudiert wirken und kaum ein Spieler zu wissen scheint, was sein Nebenmann da gerade veranstaltet, liegt in der Verantwortung des Trainers. Es geht hier keinesfalls darum, Hütter an den Pranger zu stellen, aber auch für ihn ist die Schonzeit endgültig vorbei. In Hannover wurde für Borussia der Katastrophenalarm ausgelöst und jetzt muss Hütter schleunigst zeigen, dass er der richtige Mann am richtigen Ort ist.

von Marc Basten – TORfabrik.de | Foto: Stuart Franklin – Getty Images