1. Dezember 2022

»Wir haben ihnen das Leben richtig schwer gemacht«

Borussia Mönchengladbach hat RB Leipzig mit 3:0 deutlich in die Schranken gewiesen und in einem Spiel, das im Vorfeld von Nebenkriegsschauplätzen bestimmt war, auf dem Platz die bestmögliche Antwort geliefert. Dennoch gab es auch Misstöne an einem sportlich gelungenen Abend.

Dass im Borussia-Park am Samstagabend eine sehr aufgeheizte Stimmung herrschen würde, war für alle absehbar. So verlegte Pay-TV-Sender Sky das obligatorische Interview vor dem Spiel mit dem Gästetrainer in die Mixed-Zone, anstatt es wie üblich auf dem Rasen durchzuführen. So konnte Marco Rose bis kurz vor Anpfiff in den Katakomben verweilen und sich erst dann den wenig freundlichen Reaktionen der Fans im Borussia-Park aussetzen.

Die Protest-Stimmung zog sich wie angekündigt über die ersten 19 Minuten hin, was aber zumindest aus Gladbacher Sicht keinen Einfluss auf die Leistung der Mannschaft hatte. Denn die war nicht nur voll fokussiert, sondern setzte von der ersten Minute an all das um, was man sich vorgenommen hatte. »Wir waren sehr dominant und hatten bei eigenem Ballbesitz eine sehr gute Struktur«, lobte Trainer Daniel Farke. Die Belohnung für die konzentrierte Anfangsphase gab es bereits in der 10. Minute, als Hofmann für den Führungstreffer sorgte.

Kramer überzeugte als »verkappten 10er«

Danach kam RB zwar etwas besser ins Spiel, doch die Borussen blieben unbeeindruckt in der Spur. »In der ersten Halbzeit haben wir es komplett kontrolliert«, sagte Christoph Kramer. »Wir hatten super Ballbesitz, haben die Räume gefunden, waren gut im Gegenpressing und deshalb defensiv stabil. Leipzig hat viele Fehler gemacht und wenn wir den Ball gewonnen haben, waren wir richtig da und haben ihnen das Leben schwer gemacht.«.

Christoph Kramer, ‘gebürtiger’ Sechser und letzte Woche als ‘Aushilfs-Innenverteidiger’ überzeugend, spielte diesmal in der Neuhaus-Position als »verkappter 10er«, wie es Daniel Farke bezeichnete. »Ich mag Herausforderungen«, sagte Kramer anschließend. »Ich kann also auch in der Doppelspitze spielen.« Ein wenig wild waren die Laufwege nur zu Beginn. »Das war ein bisschen ‘learning by doing’, ich musste meine Position finden«, sagte Kramern. »Aber ich habe schnell ein Gefühl dafür bekommen und mich wohlgefühlt.«

»Unsere Pressing-Intensität war in der ersten Halbzeit unfassbar hoch«

Kramer gefiel in der offensiven Rolle, die er bei Ballbesitz »mit vielen Freiheiten« interpretieren konnte. Gegen den Ball leitete er mehrfach das Offensivpressing ein. »Es war schon so gedacht, dass ich mit Tikus vorne anlaufen sollte«, so Kramer. Borussia stand teilweise sehr hoch – was man eigentlich eher von Roses RB erwartet hätte. »Unsere Pressing-Intensität war in der ersten Halbzeit unfassbar hoch«, sagte Daniel Farke, dem es ein paar Mal sogar etwas zu viel des mutigen Draufgehens war. »Wir hatten da zwei, drei Situationen, in denen wir zu viele Räume gegeben haben. Aber insgesamt war ich mit der Konterabsicherung sehr zufrieden.«

Den Borussen spielte an diesem Abend auch in die Karten, dass sie genau zum richtigen Zeitpunkt die Tore erzielten. Der frühe Führungstreffer brachte Sicherheit und Rückenwind und das 2:0 fiel in einer Phase, als Leipzig gefühlt dabei war, das Geschehen in den Griff zu bekommen. Der Ballgewinn von Thuram, sein energischer Antritt und der coole Abschluss von Hofmann – das war Konterfußball aus dem Lehrbuch. »Wir wollen und können alle Facetten des Fußballs abdecken«, sagte Christoph Kramer. RB jedenfalls hatte mit der Zielstrebigkeit der Borussen große Probleme.

Bensebainis Coolness demütigt RB

Direkt nach der Pause hatte Leipzig zwei brandgefährliche Abschlüsse und es sah aus, als ob Rose seine Mannen in der Halbzeit geweckt hätte. Doch die Borussen befreiten sich aus der sich anbahnenden Umklammerung und legten bereits nach acht Minuten das vorentscheidende 3:0 nach. Mit welcher Coolness Bensebaini das Tor erzielte, war richtiggehend demütigend für die Leipziger. »In der zweiten Halbzeit haben wir sie ein bisschen kommen lassen, weil wir einfach auch eine gute Kontermannschaft sind«, sagte Kramer. »Wir haben gut tief verteidigt und hätten sicherlich noch den einen oder anderen Konter setzen können.«

Es sah wirklich sehr gut aus, wie die Borussen verteidigten und es gab tatsächlich genügend Gelegenheiten, das Ergebnis noch deutlicher zu gestalten. »Ich selbst hätte auch einen Viererpack schnüren können, wenn ich vor dem Tor konzentrierter gewesen wäre«, sagte Jonas Hofmann. »Aber wenn man am Ende 3:0 gewinnt, ist das egal. Wir gehen jedenfalls sehr zufrieden in die Länderspielpause.« Also alles ‚Friede, Freude, Eierkuchen‘ bei Borussia? Nicht so ganz. Denn zunächst gab es mit dem eingewechselten Hannes Wolf einen weiteren Verletzten. Der Österreicher zog sich in einem Zweikampf mit Landsmann Schlager eine Schulterverletzung zu und musste nach wenigen Minuten bereits wieder vom Platz.

Streitbare Wortwahl, aber kein Grund für die Intervention des Schiedsrichters

Und dann gab es da noch die Geschichte mit den Bannern in der Nordkurve. Hier kann man sicherlich in Bezug auf die Formulierungen geteilter Meinung sein, doch das Ganze wäre wohl mehr oder weniger eine Randnotiz gewesen, wenn nicht der Schiedsrichter eingegriffen und damit dem einen Banner die ganz große Bühne bereitet hätte. ‘Ein Hurensohnverein stellt nur Hurensöhne ein’ stand da geschrieben und gewiss kann man sich an der Wortwahl stoßen. Dass Schiedsrichter Ittrich dies allerdings als Anlass nahm, über eine Stadiondurchsage mit Spielabbruch zu drohen, sollte das Banner nicht sofort entfernt werden, war deutlich übertrieben.

Der DFB hat hier im Zuge der ‘Fadenkreuz-Banner’ um Dietmar Hopp einen ‘Drei-Stufen-Plan’ präzisiert. Wenn es Diskriminierungen oder personenbezogene Gewaltandrohungen gibt, soll der Schiedsrichter erst zur Unterlassung auffordern, dann das Spiel unterbrechen und ggf. letztlich abbrechen. Die Banner im Borussia-Park mögen zwar geschmacklos gewesen sein, aber sie erfüllten nicht die Kriterien und rechtfertigten damit nicht den Eingriff des Schiedsrichters. Für den Fall, dass es beleidigende oder grob unsportliche Plakate gibt, soll ein Spiel weiterlaufen, so heißt es in den Erläuterungen des DFB. Hier werde anschließend nur geprüft, ob nach dem Spiel ein sportgerichtliches Verfahren eingeleitet werden muss. So aber hat Patrick Ittrich mit dafür gesorgt, dass die ganze Sache eine große Bühne erhalten hat und der sportlich so erfreuliche Aspekt des Abends teilweise in den Hintergrund gedrängt wurde.

von Marc Basten – TORfabrik.de | Foto: Norbert Jansen – Fohlenfoto